Neathearah 1 – Ein dutzend Tugenden


Unsere Geschichte von Neathearah begann mit einem Fieber, das den ehrwürdigen König Adalbert den II von Illidar ans Bett fesselte. Illidar war ein großes Reich. Es setzte sich aus vielen Fürstentümern und anderen Herrschaftsgebieten zusammen, die sich politisch so sehr unterschieden wie geografisch und doch vom Königshause zusammengehalten wurden. So überraschte es niemanden, dass die Nachricht vom baldigen Tode des Königs zu Spannungen zwischen den Fürsten führte. Noch während der König mit flatternden Lidern um das Bewusstsein rang, wurden alte Fehden wieder neu entfacht, Intrigen gesponnen und umstrittene Gebiete gewaltsam besetzt. Einer der aufstrebenden Fürsten, der seine Gelegenheit witterte, war Geshran der Starke. Unter dem Banner des roten Greifen zog er ein Heer zusammen und fiel alsbald in das benachbarte Fürstentum Paradur ein. Und wahrlich, die Soldaten des Hauses Paradur waren tapfer und vom Guten geprägt. Sie kämpften für die Ideale der Religion des Neunten Hauses und damit für Vielfältigkeit und das Recht zu träumen. Doch das erste Haus Paradur unterlag und so drängten die grausamen Truppen Geshrans zunehmend in die Gebiete der Paladine vor. Dies war der Punkt, an dem das wiederauferstandene zweite Haus Vallondyr dem Fürsten seine Hilfe anbot. Doch dieser schlug sie aus, war dieser Krieg im eigenen Königreiche doch ein Kampf zwischen Brüdern und Vallondyr war nicht Teil dessen.

So begann eine düstere Zeit für die Bewohner des Fürstentums, eingeläutet durch das Gerücht, dass der Fürst Gewain Paradur plötzlich verschwunden ward. Die Tage schienen dunkler zu werden und in den Nächten erwachten namenlose Schrecken. Und langsam, ganz langsam, breitete sich die Sorge aus, dass diese Geschichte nicht gut für das alte Haus Paradur ausgehen würde.

In Rodenhain, einer kleinen doch sehr alten Holzfällersiedlung ohne jede strategische Bedeutung, hatte man von all dem Trubel im Reich wenig mitbekommen. Die zweitgrößte Sorge der Bewohner war der immer unheimlicher werdende Wald von Keehlen, der sie umgab und für eine zunehmende Abwanderung der Dörfler sorgte. Ihre größte Sorge jedoch war Rolya Gutsmann, der örtliche Steuereintreiber des Fürsten Paradur. Dieser nahm seine Aufgabe sehr genau und kam deswegen dreimal täglich, um seine Münzen zu kassieren und sorgte damit für eine noch stärkere Abwanderung. So war Rodenhain auf einen traurigen Rest dessen zusammengeschrumpft, was es einstmals war und wurde letztlich nur mehr von zehn Personen bewohnt. Doch Alles änderte sich, als in einer kalten Nacht zwei geschuppte Bestien über das Dorf herfielen. Sie töteten Rolya Gutsmann und fünf weitere Bewohner und zerfetzten grausamst ihre Leiber ehe sie von den Übrigen überwältigt wurden. Der Schock saß tief und der Schmerz noch tiefer, als man die Überreste in die Erde bettete. Niemand ahnte, dass es nie wieder so sein würde wie früher, denn während die Überlebenden versuchten wieder Frieden in ihrem Leben zu finden, hatte die Bluttat in dem kleinen Ort einen Stein ins Rollen gebracht, der nun Stück um Stück Weitere anstieß.

Neathearah 2 – Waidmanns Rast


Waidmanns Rast war eine kleine Taverne am Rande Rodenhains, die in vierter Generation im Familienbesitz der Mühlenstecks war. Nie hätte sich Bertrams Urgroßvater gedacht, dass seine kleine Spelunke einmal mehr als eine schnelle Absteige am Rande des Dorfes sein würde, oder gar im neuen Zentrum Rodenhains läge. Doch der Raubbau an den Gebäuden des Ortes hatte die Holzfällersiedlung nach der jahrelangen Abwanderung beträchtlich schrumpfen lassen. Betram war dies nur Recht. Sein Haus stand nun im Zentrum des Geschehens aller Anwesenden, denn auf einmal begann Rodenhain wieder unerwartet zu wachsen.

Die erste Besucherin, die blieb, war eine junge Frau, die einem wichtigen Anliegen folgte. Wenig später folgte ihr ein Trupp Vertriebener aus dem fernen Örtchen Schilfhort auf der Suche nach einer neuen Heimat. Letztlich war da noch eine Ansammlung abenteuerlicher Recken aus weit entfernten Ländern und nahgelegenen Gebieten. Sie alle hatten den Wald von Keehlen passiert und sie alle hatte der Wald mit einem dumpfen Schrecken empfangen. Dieses Gefühl, einem kalten Wassertropfen im Nacken gleich, war durchaus unangenehm, aber völlig ungreifbar. So löste es auch hier Unwohlsein und erhöhte Aufmerksamkeit aus, hielt aber keinen von ihnen ab, bis nach Rodenhain zu gelangen.

Doch der Wald veränderte sich dieser Tage. Mal durchstreiften gierige Banditen auf der Suche nach Beute das nasse Unterholz, legten Hinterhalte und töteten Wehrlose. Mal überzog den Wald eine unheilige Dunkelheit und die geisterhaften Erscheinungen eines Henkers und seiner Opfer suchten nach armen Seelen. Dann wieder präsentierte sich der Wald lebhaft und glücklich, voll Sonnenschein, fast so, als würde Keehlen selbst in ihm wandeln. Schlussendlich begann alles von vorn. Doch keiner dieser Momente ließ sich mit einem anderen teilen. Und immer, immer wieder kehrten jene die tot geglaubt waren zurück – Freund wie Feind. Eine große Kraft schien rund um Rodenhain zu wüten. Eine Macht, die zwar den verstorbenen Vogt wieder erweckte, den die Obrigkeit des Fürsten Paradur entsandt hatte, um den Tod des Steuereintreibers Rolya Gutsmann zu untersuchen, die aber zeitgleich auch eine Abtrünnige der Schilfhorter Flüchtlinge mit einem Hang zur dunklen Magie zurück brachte. Am Ende, als die unheilige Macht abermals das Dorf ergriff, begannen sich die Geister zu scheiden. All jene die nichts mehr zu verlieren glaubten flohen aus Rodenhain in den Wald hinein, um diesen auf schnellstem Wege zu verlassen. Doch jene, die etwas in Rodenhain gefunden hatten beschlossen den Widrigkeiten zu trotzen und zu bleiben. Und so irrte nun eine Gruppe Verlorener durch den immer tiefer werdenden Wald …